Constantins neue Kolumne

Die ADHS-Kolumne, Folge 11 – wie übersteht man die Deadline?

«Schatz, woran denkst du?» Wir lagen im Bett, sie unter mir. Meine Gedanken kreisten um das Swissair-Grounding. Morgen um zehn Uhr musste ich den Text abliefern. 8000 Zeichen. Den Lead und einen möglichen Titel hatte ich schon.

Es war eine verrückte Zeit, damals beim Tagi. Peter Hartmeier, Chefredaktor, lotste mich von der Woz ins neue Recherche-Team. Warum ich ging? Ich verdiente mit einem Schlag 6000 Franken mehr.

We just saw it from a different point of view,

Tangled up in blue (Bob Dylan, Tangled Up in the Blue)

 

Die neuen Kollegen behandelten mich wie Rasputin. Koni Geier sagte mir Jahre später: «Am liebsten hätten wir dich vom fünften Stock runtergestossen. » Mein Glück: Ich arbeitete im dritten. Nein, eigentlich arbeitete ich im Café Royal, in der Nähe des Hardturms.

Ich vertiefte mich in die Liquidationsscheisse der ehemaligen Staatsairline. Ein Onkel war in den 1980er Jahren Swissair-Pilot, ein anderer war Stewart. Oder, wie auf allen Familienfesten einander zugeraunt wurde: «Achtung, Schwuchtair im Anflug.»

Hartmeier wollte jede Woche einen Text in der Samstag-Ausgabe. Bis Mittwoch rührte ich in der Regel keinen Finger. Soff mich ins Halbkomma, fickte meine damalige Freundin. Donnerstagmorgen erstes Kribbeln, gegen Nachmittag Herumfluchen.

But all I know is that she left you,

And you swear that you just don’t know why,(Janis Joplin, Cry Baby)

 

Damals lernte ich die wichtigste Lektion im Journalismus: Beginne in der Mitte. Die ersten fünf Abschnitte liess ich leer, dann setzte ich an. Mein dritter Text schlug ein wie Bombe. Ein Bekannter eines Bekannten einer Freundin steckte mir zu, dass die Swissair ab den 1990er-Jahren – also während der Hunter-Strategie – ein Konto in Übersee äufnete. Ich recherchierte eine Nacht durch, bescherte Tamedia Telefonkosten in dreistelliger Höhe, und lieferte am nächsten Tag die Story ab.

14. Februar, 2002. Montag, um 10 Uhr. Blattkritik im «Foyer blanche». Hartmeier, sekundiert von René Dachs, damals Wirtschaftschef, blaffte mich an: „Scheisse, Constantin, scheisse! Woher hast du diesen Müll? » Ich cool: «Von einem Bekannten eines Bekannten einer Freundin. » Weil die Swissair eh keinen Rechtvertreter mehr hatte, flutschte alles durch, ohne Folgen.

 

I don’t think you understand

What I’m trying to say

I’ll be your operator baby

I’m in control (Depeche Mode, Times)

 

Jahre später erklärte mir der Hausarzt, was bei ADHS-Journalisten falsch läuft: Die Neurodermitis der Botenstoffe färben ab einer Zeit die Gehirnsynapsen . Was bei anderen Stress bedeutet, läuft bei mir unter Erektion, also Unterversorgung des Kleinhirns. Darum kann ich die Nacht an einem einzigen Thema mich verbeissen, während andere schon früher schlappmachen.

 

Hätte ich diese Erkenntnis doch schon früher gehabt!

5 KOMMENTARE
  1. Else Thurre
    Else Thurre says:

    Einfach alles frei erfunden, ohne zu deklarieren. Ich hoffe, dass das eine Klage nach sich zieht. Unterste Schublade so was. Wenns wenigstens lustig wäre.

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    • Alois Fischer
      Alois Fischer says:

      Vielleicht orientieren Sie sich mit dem Mittel der eigenen Recherche.
      Mein Tip: Wer könnte Constantin sein? Wo hat dieser C. eine neue Kolumne «eröffnet»?
      Was schreibt er darin und wie ist das «aufgezäumt? Und … und …und…
      Und dann eröffnet sich Ihnen vielleicht ein Spielfeld (zugegeben eher für Insider), das sich vor allem an Medienkonsumenten richtet, die nicht nur die eigene Meinungsbestätigung suchen – also offen für Experimente und Fantasien und Dialektik sind. Dann kann es klarer und wahrer werden.

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  2. Hans von Atzigen
    Hans von Atzigen says:

    Ei ei ei,nun wenn man im Kopf mit der Swissair fremd geht,
    dann wird das nix mit dem Ziel zu kommen. Tz tz tz so etwas.🤦‍♀️😂🤣🤣🤣

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