Die Promi-Macher

Wir basteln uns einen Promi.

Geschieht etwas Schlimmes, ist es eine Story. Ist ein Prominenter darin verwickelt, ist es eine viel bessere Story. Deshalb gilt: Hast du keinen Promi, machst du aus einem der Beteiligten einen.

Der aktuelle Fall ist tragisch: Zwei Jugendliche werden in einem Haus in Zollikerberg tot aufgefunden. Details sind noch nicht bekannt, es dürften illegale Substanzen im Spiel gewesen sein. In der kleinräumigen Schweiz reicht diese Ausgangslage bestens für fette Schlagzeilen.

Bekannt ist relativ

Aber es kam noch dicker: Einer der Toten sei der Sohn eines bekannten Rappers, wussten 20min.ch, «Blick» und auch der «Tages-Anzeiger».  Das war, bevor es opportun schien, mit dem Namen zu hantieren. Als man das dann ruhigen Gewissens durfte, waren die meisten Leser vermutlich ein wenig ernüchtert. Denn sie hatten nach einem Namen gelechzt, den sie regelmässig hören, wenn sie das Radio einschalten. Leider nein. «ZH Beats» ist der Künstlername des Rappers, den man angeblich kennen muss. Jetzt tut es fast jeder, aber vor der Tragödie? Dass der Musiker in der regionalen «Szene» einen Namen hat, will niemand bestreiten. Aber wenn Medien den Begriff «bekannt» verwenden, geht man davon aus, dass die Allgemeinheit auch weiss, von wem die Rede ist. Und das, bei aller Liebe, ist hier kaum der Fall.

Ein besonders schonungsloses Beispiel der Disziplin «wir basteln uns einen Promi» liegt fast 30 Jahre zurück. Kurz vor Weihnachten 1992 verschwand der Chefkassier der Raiffeisenbank Münchwilen (TG) mit einer Million im Gepäck Richtung Phuket. Der «Blick» nannte den vollen Namen des Mannes und bezeichnete ihn als «Fussballstar». Das war am Kioskaushang ein ziemlicher Hingucker.

Star mit Nebenjob

Bei näherer Betrachtung war es aber eine ziemlich spontane Beförderung. Denn R.H. kickte vor seinem Verschwinden beim FC Wil. Der war zwar damals unter Trainer Christian Gross in einer Aufwärtsspirale, gehörte aber zu jenem Zeitpunkt der Nationalliga B (heute Challenge League) an. Jede Wette, dass kaum jemand auch nur drei Spieler der zweithöchsten Spielklasse aufzählen kann. Und warum ein «Fussballstar» es nötig haben soll, hauptberuflich an einem Bankschalter zu stehen, bleibt ebenfalls ein Geheimnis der Redaktion.

Aber den Mechanismus muss man sich merken: Wer nebenbei etwas kickt, vor dem verdienten Wochenende eine Million aus der Kasse nimmt und ins Flugzeug steigt, der wird zum Star. Auf der Überholspur.

 

Von Stefan Millius. Er ist Chefredaktor bei «Die Ostschweiz».

 

Packungsbeilage: ZACKBUM.ch-Redaktor René Zeyer publiziert regelmässig auf «Die Ostschweiz».

3 KOMMENTARE
  1. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Stars basteln ist eine Stärke von BLICK und NAU. Wenn nötig machen die einen Hydranten zum Star, wenn nötig mit Christa Rigozzi an der Seite. NZZ und TA basteln Experten!

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    • Hans von Atzigen
      Hans von Atzigen says:

      Der letzte Satz trifft voll in die Mitte.
      Wir haben inzwischen eine regelrechte Expertenseuche.
      (Im Klartext nannte man das vormals, Tunnelblick-Fachidioten.)
      Das wird inzwischen auch als Pandemie deklariert.
      Inzwischen führen sich all diese Experten genau so auf
      wie vor der Aufklärung der Adel und der Klerus.
      Grins ,,Unfehlbar“ und über jeden Zweifel erhaben, die immer recht haben, sind ja Experten. Wer nicht glaubt der landet
      in der ewigen Verdammnis im Feuer der Hölle. Amen.
      Allerhöchste Zeit für eine Aufklärungsrunde 2.0
      Es geht um die Rettung des erfolgreichsten Weltbilds
      aller Zeiten, des Liberal-Humanistischen.
      Das erste Gebot heisst, bedingungslose Meinungsfreiheit.
      Das zweite Gebot heisst, die Grenze der Freiheit wird markiert durch das Recht der Freiheit des Anderen.

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    • Ray Sinniger
      Ray Sinniger says:

      Apropos einen Hydranten zum Star:

      Erwähnt sei hierbei den zu Tode zitierte Satz: «Für eine Million mache ich aus einem Kartoffelsack einen Bundesrat.» Er stammt von Rudolf Farner, PR-Büro Farner und stammt wohl aus den 70er Jahren.

      Dieser rechtsbürgerliche Rudolf Farner war übrigens dazumal der Erste, der Trolle einsetzte. Er liess für Kampagnen systematisch Leserbriefe schreiben, er warb Experten an, sprach (Gefälligkeits)Journalisten an , organisierte Podien und Vorträge, machte (frisierte) Umfragen, welche das Parlament mit kurzen (und illustrierten!) Briefings zu Abstimmungen versorgte. Kurzum: Der trickreiche Farner führte die Trolle ein, das Produktemarketing und gleich noch das Politikmarketing dazu.

      Mit seiner Aktion «Freiheit und Verantwortung» bekam er in vielen Zeitungen Null-Kosten-Inserate. Seine teuer produzierte Hochglanz-Zeitschrift „Pro“ war ein klug verpacktes Pamphlet für die AKW-Lobbykratie.

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