Ein schwerer Verlust für alle

Helmut Hubacher ist mit 94 Jahren gestorben.

Helmut Hubacher im Nationalrat. Foto: Sammlung Rutishauser

Es hat dann doch nicht gereicht, unseren lustigen Disput, den wir in der «Basler Zeitung» führten, wie von uns beiden gewünscht persönlich in seinem Altersitz in Courtemaîche im Jura auszudiskutieren.

Das letzte Mal sah ich ihn am Abschiedsfest von Markus Somm, als die BaZ in die Einheitssauce aus dem Hause Tamedia getunkt wurde.

Unglaublich, wie wach, intelligent, informiert und schreiberisch auf der Höhe Hubacher bis zuletzt geblieben ist. Nach einer Politkarriere, wie sie geradliniger und konsequenter nicht sein könnte.

Seine Persönlichkeit machte ihn einmalig

Er ist, er war ein Beispiel dafür, dass es nicht an veränderten Zeiten liegt, dass Politiker wie er heutzutage in der Schweiz nicht existieren. Was ihn einmalig machte, waren nicht die Zeiten oder Umstände. Es war seine Persönlichkeit.

Er war von Jugend an ein in der Wolle gefärbter Sozialdemokrat. Schon immer publizistisch tätig, so wurde er 1963 Chefredaktor der Basler Arbeiter-Zeitung; im gleichen Jahr, als er auch Einzug in den Nationalrat hielt.

Von 1975 bis 1990 war er Präsident der SP Schweiz. Er war mehr als das. Er war aufrecht, anständig, ein harter Fighter in der Sache, dabei zielte er aber niemals auf den Mann. Er hatte auch keine Berührungsängste, setzte sich in einem Buch mit dem Phänomen Blocher auseinander.

Geradlinig von Anfang bis Ende

Zu seinen Prinzipien gehörte auch, sich nicht zu distanzieren oder zu entschuldigen, wenn es seiner Überzeugung nach nichts zu entschuldigen gab. 1982, also noch mitten im Kalten Krieg, präsidierte er eine offizielle Delegation der SP auf einem Besuch in der damaligen DDR. Dabei kam es auch zur Begegnung mit dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker.

Das löste noch viele Jahre danach grosses Geschrei aus. «Moskau einfach» war damals der Kriegsruf der Rechtskonservativen in der Schweiz, Hubacher solle sich gefälligst für diesen Besuch entschuldigen, sich von der Diktatur in der DDR distanzieren. Was er nicht tat.

Denn er wusste, dass an seinen demokratischen Überzeugungen und seiner Liebe zum demokratischen System der Schweiz keine Zweifel möglich waren. Und politisches Geschrei tropfte von ihm ab.

Er positionierte die SP als wählbare linke Volkspartei. Er war ein kenntnisreicher Kritiker der Schweizer Armee und ihren ewigen Beschaffungsskandalen, gleichzeitig aber ein Befürworter der Landesverteidigung, weshalb die SP bei der Initiative zur Abschaffung der Armee an der Seitenlinie stand.

Noch 30 Jahre Publizistik

Nach Beendigung seiner aktiven politischen Zeit 1990 blieben ihm noch weitere dreissig Jahre, die er unablässig mit Schreiben und Nachdenken und Diskutieren verbrachte. Fürs Schreiben benützte er eine Schreibmaschine; Kontakte mit ihm spielten sich über Briefe oder das Faxgerät ab. Umso beeindruckender, wie umfassend er – ohne das Internet zu benutzen – über die Tagesaktualität informiert blieb.

Er war nie ein Mann der grossen Gesten, er wollte sich nie aus Eitelkeit selbst in den Vordergrund stellen. Eigentlich war er der Helmut Schmidt der Schweiz, obwohl er selbst nie Regierungsverantwortung trug. Dafür war er in der Schweizer Mediokratie zu gross, zu bedeutend, zu gewichtig.

Bedauerlich, dass es in der Schweiz keinen Elder Statesmen gibt

Aber auch und gerade wegen ihm ist es so bedauerlich, dass die SP-Presse in der Schweiz kläglich an ihrer eigenen Unfähigkeit zugrunde ging. Wegen ihm ist es bedauerlich, dass die Schweiz kein Organ vom Format «Die Zeit» hat. Dort reifte Schmidt in Deutschland zum Elder Statesman heran, zum alten Weisen, bei dem die anderen verstummen, wenn er spricht.

Dieses Format hatte Hubacher auch. Es war schon vor seinem Tod ein schmerzlicher Verlust für die Schweiz, dass er keine Plattform hatte, um wirkmächtiger zu werden. Aber er kann in Frieden mit sich und der Welt ruhen. Mehr als er kann man in der Schweiz als Politiker nicht erreichen. Er war Vorbild, anständig, bescheiden, niemals in Skandale verwickelt, seit 1949 mit seiner Jugendliebe verheiratet. Gret Hubacher-Hungerbühler gelten unsere Gedanken.

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