Das Ende der glücklichen Zeiten

Dem Internet sei Dank: Jeder kann Zeitung.

Da liegt es nahe, mit einem Gegenprogramm aufzutrumpfen: Nur positive Nachrichten statt des ewigen Protokoll des Elends. Die schlechte Nachricht: Lesen will das niemand. Ein Schweizer Portal hat gerade erst aufgegeben.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der medialen Lawine an schlechten Nachrichten, die uns täglich überrollt und der Zunahme psychischer Erkrankungen? Mit Sicherheit wurde das bereits untersucht. Aber auch Laienpsychologen können zum Schluss kommen: Der Seele tut es nicht gut, dauernd zu lesen, dass alles schlechter wird. Und das ist ja so, wenn man den angestammten Medien glauben will. Es will eben einfach keiner lesen, wie viele Flugzeuge heute nicht abgestürzt sind. Es ist die Ausnahme, die das Lesevergnügen bereitet.

Dennoch gibt es Verleger – wir sind grosszügig mit dem Begriff -, die finden, dass es ihre Aufgabe ist, positive News zu verbreiten, sich also auf das bisschen Stoff zu konzentrieren, der uns das Gefühl gibt, es sei noch nicht alles verloren. Allein im deutschsprachigen Raum sind es einige Dutzend Onlinezeitungen, die sich das zur Aufgabe gemacht haben.

Labor statt Fleisch

Wie sieht das konkret aus? Zum Beispiel bei nur-positive-nachrichten.de? Da erfahren wir, wie viele Tonnen Plastik kürzlich aus dem Meer gefischt wurden. Das Problem: Um sich darüber richtig zu freuen, muss man auch darauf hinweisen, wie viele Tonnen da immer noch drin liegen. Positiv ist anders. Oder dass der Fastfoodriese KFC Hühnerfleischzellen aus dem Labor testet: Auch das klingt vielversprechend. Es fehlt allerdings der sanfte Hinweis, dass es vermutlich Jahre gehen wird, bis daraus etwas wird, und auch dann wird KFC den Teufel tun und dem echten Fleisch abschwören. Schlicht, weil der typische Kunde gern richtiges Fleisch isst.

In der Schweiz war es happytimes.ch, das diesem Konzept folgte. War. Denn just im vergangenen Juli haben die Macher nach über zehn Jahren die Segel gestrichen. Dass die Idee solange Bestand hatte, ist beachtlich und vermutlich einem Engagement nahe an der Selbstaufgabe zu verdanken. Denn wirklich einträglich ist das Geschäft mit good news nicht. Ausser, man macht es wie «Happy times», das unter positiven Meldungen auch klar als verkaufte Werbung erkennbare Autotests verstand.

Nackt am Mäher

Mehr als 10’000 Artikel habe man in dieser Zeit publiziert, heisst es im eigenen Abgesang. Und macht auch gleich klar, was wirklich gut lief: Die «Kornkreis-Fotostorys mit exklusiven Fotos direkt aus den sagenumwobenen Kornkreisen sowie bunte, fröhliche Foto-Reportagen von der Streetparade Zürich.» Was für Klicks sorgte, waren also besoffene Studenten, die sich nachts als Mutprobe an der Mähmaschine vergriffen und Bildergalerien von halbnackten Leuten. Klingt plausibel.

Vielversprechender ist vielleicht der Ansatz einiger eingesessener Medien, die sich eine Rubrik mit positiven Meldungen leisten. focus.de zum Beispiel führt einen «Gute-Nachrichten-Ticker». Das ist eine billige Lösung: Beiträge, die ohnehin publiziert werden, weist man mit einem Klick dieser Rubrik zu, erledigt. Wobei man darüber diskutieren kann, ob das Porträt eines Mannes, der seinem Vater die Ermordung der Mutter verzeiht, besonders stimmungsaufhellend ist. Es muss ja zuerst jemand ermordet werden, bevor man verzeihen kann.

Die meisten dieser «Alles ist gut»-Zeitungen finanzieren sich durch Werbeeinblendungen, die nur einschenken, wenn die ganze Welt plötzlich wissen will, wie toll das Leben doch eigentlich ist. Und einige verkaufen Mitgliedschaften, mit denen sich diese Werbung ausblenden lässt. Bei nur-positive-nachrichten.de kann man das für ein Jahr mit Summen zwischen 24 und 100 Euro erledigen, je nach Spendierlaune. Dafür erhält man dann einen Titel wie «Chenoa» (Friedenstaube) oder Macawi, was bei den Sioux so viel wie Grosszügigkeit bedeutet.

Dumm ist das nicht. Vermutlich spricht die Zielgruppe der Positivdenker drauf an.

 

Von Stefan Millius. Er ist Chefredaktor «Die Ostschweiz».

 

Packungsbeilage: Der ZACKBUM.ch-Redaktor René Zeyer publiziert auf «Die Ostschweiz».

3 KOMMENTARE
  1. Marc Beerli
    Marc Beerli says:

    «Die meisten dieser «Alles ist gut»-Zeitungen..», schreibt der Autor. Im Artikel wird aber nur ein Beispiel genannt, das noch existiert: nur-positive-nachrichten.de. Und das dient dann auch gleich zur These, dass alle Abos verkaufen wollen. Wo sind die weiteren Beispiele dafür? Das zweite Beispiel wiederum ist nicht mehr als ein Tag, den Focus.de eingeführt hat. Oder anders: Abgesehen davon, dass happytimes.ch verschwunden ist (und das war ja wohl eher Hobbyprojekt denn «Zeitung»), wird hier der Niedergang einer Branche beschrieben, die es gar nie gegeben hat.

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    • Stefan Millius
      Stefan Millius says:

      Googeln Sie einfach entsprechende Suchbegriffe wie „positive Nachrichten“. Sie werden umgehend ein halbes Dutzend deutscher Onlinzeitungen finden. Sie einfach im Sinn einer Aufzählung aufzuführen, hätte wenig Sinn gemacht. Und ich habe nirgends etwas von Abos geschrieben, sondern von „werbefinanziert“ plus Mitgliedschaften, sprich Gönnerbeiträge.

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