Ein ehrenwerter Mann?

Pascal Hollenstein hat zwei Gesichter.

Schein und Sein: Intern zeigt Hollenstein offen, was er von seinen Brötchengebern hält. Genauer: Von den treuen Abonnenten der Printausgaben wie der «Luzerner Zeitung» und ihren Regionalablegern. Nicht viel. Das seien «Abfallprodukte», reif für den Abdecker, wenn sie nicht mehr wie Milchkühe gemolken werden können.

Gegen aussen neigt der «Leiter Publizistik» von CH Media zum Salbadern. In gesalbten Kommentaren säuselt er, «man möchte all jenen danken, welche auch dieser Zeitung ihr Vertrauen schenken». Zugleich ist er ein unerschrockenes Sprachrohr für Jolanda Spiess-Hegglin; man erinnert sich, bei einer Feier 2014 geriet einiges ausser Kontrolle.

Tapfer verbellt Hollenstein den Plan einer Tagi-Journalistin, ein Buch über diese Affäre zu schreiben. Denn er befürchtet Ungemach: «Klar ist: Binswanger hat sich in der Sache früh klar positioniert und Spiess-Hegglin angegriffen.»

Hier betrat Hollenstein allerdings journalistisches Neuland; er ist sozusagen der Erfinder des publizistischen Präventivschlags und weiss schon bevor eine einzige Zeile zu Papier gebracht wurde, dass dieses geplante Buch nicht gut werden kann.

Gerne gibt Hollenstein ungefragt gute Ratschläge: «Keller-Suter muss das Heft in die Hand nehmen». Und auch die ganz staatstragenden Töne sind seine Sache: «Freiheit und Solidarität sind unsere schärfsten Waffen gegen das Virus», belehrt er den staunenden Leser.

Nach aussen spielt der den Weltenlenker

Er tut auch alles, was er halt so kann, um die Welt in geordnete Bahnen zu lenken; zum 70. Jahrestag der Ausrufung der Volksrepublik China doziert er: «Die westliche Welt muss robust, aber fair, ohne Hybris und Illusionen auftreten.» Gut, dass das die westliche Welt jetzt weiss.

In einem Wort: Ein Staatsmann, einer, der im Kleinen und im Grossen zeigt, wo’s langgeht. Ein Vorbild, wie er das als «Leiter Publizistik» ja auch sein sollte. Allerdings würden sich doch manche Leser von Produkten aus dem Hause CH Media wundern, wenn sie wüssten, wie sich der feine Herr intern über sie äussert.

Alte Milchkuh und Abfallprodukt

Da spricht er nämlich von der «Luzerner Zeitung» und ihren Regionalausgaben von CH Media als «Abfallprodukt». Diese «alte Milchkuh» müsse man noch solange melken, bis die Leser ausgestorben seien. Und auf keinen Fall den Abopreis senken, obwohl der Inhalt immer dünner wird. Denn die Gewohnheitsleser würden klaglos zahlen. Und wenn sich das Produkt nicht mehr rentiert, dann sei es Zeit, diese Milchkuh zur Schlachtbank zu führen.

Denn in einem Joint Venture mit der NZZ hat CH Media mit den früheren zur NZZ-Gruppe gehörenden Lokalzeitungen in der Innerschweiz und in St. Gallen ein faktisches Duopol mit Tamedia aufgebaut. Was nicht zu einem Verlag gehört, gehört zum anderen. Daneben gibt es nur noch die NZZ und Ringier. Durch diesen Zusammenschluss samt Zentralredaktion ist es klar, dass viele Journalisten überflüssig werden. Mitsamt Printausgaben, wenn die nicht mehr rentieren.

Diese gar nicht mehr staatstragenden Aussagen sorgten für Konsternation und Befremden bei den Zuhörern. Der ebenfalls anwesende CEO von CH Media, Axel Wüstmann, soll sich aber nach Aussagen von Ohrenzeugen köstlich über diese Formulierungen amüsiert haben. Und der Häme über treue Abonnenten keinen Einhalt geboten, als der Leiter Publizistik des Hauses unverblümt zu erkennen gab, was er von seinen Zeitungslesern hält. Zeitungen sind Abfallprodukte für Gewohnheitsleser, die man noch solange am Leben erhält, wie sie etwas abwerfen. Und dann ab zum Schlachthof.

Die treuen Abonnenten von CH Media-Titeln wie der «Luzerner Zeitung» wissen nicht, welches Ansehen sie im Hause geniessen. Aber die anwesenden Journalisten fragten sich bang, was diese zynische Ankündigung eigentlich für ihren Arbeitsplatz bedeutet. Nichts Gutes, vermuten viele zu Recht. «Möglichst schnell und möglichst billig», beschreibt ein Mitarbeiter die neue Linie des Hauses.

Und steht der Publizist zu seinen Worten?

Dass diese Redaktoren aus Angst um ihren Arbeitsplatz auf Anonymität bestehen, ist verständlich. Aber was sagt denn der Leiter Publizistik zu seinen Aussagen? Erklärt er sie, verteidigt er sie, dementiert er, entschuldigt er sich gar? Und wie steht es mit CEO Wüstmann; hält er solche Formulierungen mit dem Amt eines publizistischen Leiters für vereinbar?

Gerne hätten wir beiden Gelegenheit gegeben, ihre Sicht der Dinge darzulegen und auf diese und andere Fragen zu antworten. Aber so eloquent Hollenstein auch ist, wenn es darum geht, anderen Ratschläge zu erteilen und vom hohen Ross herunter Noten obendrauf, so schmallippig wird er, wenn es darum ginge, zu seinen Äusserungen Stellung zu nehmen. So hält es auch Wüstmann. Statt wenigstens persönlich zu antworten, verstecken sich beide hinter dem «Leiter Unternehmenskommunikation», der die sicherlich angenehme Aufgabe zu erfüllen hat, an Stelle seiner Vorgesetzten zu antworten: «Bestimmt haben Sie Verständnis dafür, dass wir Interna nicht kommentieren.»

Da fehlt leider jedes Verständnis

Aufwand, Ertrag, melken, solange die Kuh noch Milch gibt, und dann ab in die Tonne. Da scheint es doch ein arges Missverhältnis zwischen den öffentlichen Wortmeldungen und den internen zu geben.

Es bleibt nur noch eine Frage: Was würde Pascal Hollenstein wohl sagen, wenn ihm eine solche Aussage eines Leiters Publizistik eines grossen Schweizer Medienhauses vorgelegt und er um seine Beurteilung gebeten würde? Es steht zu vermuten, dass er in gewählten Worten seinen Dissens zum Ausdruck brächte und sich sicherlich nicht enthalten könnte, personelle Konsequenzen wegen Nicht-Eignung für den Posten zu fordern. Da sind wir gespannt, ob er das bei sich selbst auch so hält. Oder ob er nicht doch lieber weiterhin Milchkühe melkt. Als ehrenwerter Mann.

8 KOMMENTARE
  1. Daniel Huber
    Daniel Huber says:

    Habe vor einigen Tagen auch eine Aborechnung für die Luzerner Zeitung erhalten. Und mich entscheiden, sie nicht zu bezahlen. 522.- für eine solche Leistung ist einfach nur frech und keinerlei Mehrwert gegenüber einem kostenlosen Onlienportal wie zentralplus.

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  2. San Gallo
    San Gallo says:

    Im Raum St. Gallen ist es ein grosses Thema, dass der ungebremste Niedergang des «Tagblatt» ganz deutlich messbar ist: Zuerst wurde die Stadtredaktion in St. Gallen liquidiert und das Haus infolge Geldnöten verramscht (Die arg geschrumpfte Redaktion befindet sich jetzt im dezentralen Industriequartier). Dann wurde die schon länger heruntergewirtschaftete Rorschacher Redaktion kurzfristig völlig geschlossen mit dem etwas einfältigen Vermerk an der für immer geschlossenen Türe: «Wir sind dann mal weg!». In der Gegend Rorschach fühlt man sich schon länger redaktionell gravierend vernachlässigt und nun werden die letzten, rasant abnehmenden Abonnenten noch dermassen mit den Füssen getreten…

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  3. Luzerner Milchkuh 79
    Luzerner Milchkuh 79 says:

    Guten Tag
    Ich habe soeben meine Abokosten von 522 Franken bezahlt, Hollensteins Arroganz gegenüber dem regionalen Pantoffeleser zum Trotz; aber mit Dank und Gruss an die Luzerner Redaktion.

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  4. San Gallo
    San Gallo says:

    Als Leser des Pascal Hollenstein publizistisch unterstellten St. Galler Tagblatt habe ich seit längerer Zeit tatsächlich den Eindruck, dass Tagblatt sei zu einem journalistischen «Abfallprodukt» geworden. Mir wird immer wieder im vertraulichen Gespräch mit bestens informierten Leuten aus der Ostschweiz bestätigt, dass das unter massiver Schwindsucht leidende St. Gallen Tagblatt (inkl. der Thurgauer Zeitung) bald einmal vom Radar verschwinden werde! Jedenfalls befindet sich die echt abonnierte Auflage seit längerer Zeit im bedrohlichen Sturzflug…

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  5. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    «Bestimmt haben Sie Verständnis dafür, dass wir Interna nicht kommentieren.». Das ist doch normal bei den Medienhäuser, sei es NZZ, Tamedia, auch bei kleinen wie NAU. Oder wie in diesem Fall CH Media. Internes wird unter dem Deckel gehalten, aus Angst von «oben». Zensur, Entlassungen, Änderungen bei Arbeitsverhältnissen, versetzen in Freelancerverhältnisse. Die Journis akzeptieren alles und schreiben nie darüber weil sie Angst um ihre Pfründe haben. Gilt auch für die journalistische «WonderWoman» Frau Binswanger, die den Fall SH noch einmal aufrollen will, eigentlich gar nicht interessant. Warum schreibt sie nicht über die interne Zensur, wäre doch für viele LeserInnen interessanter, informativer als ein weiterer SH Aufguss. Dass Hollenstein gegen den Aufguss schreibt ist verständlich, schliesslich darf er es mit dem Zuger Filz nicht verderben, Teil seiner persönlichen Überlebensstrategie. SH wird froh sein, Frau Binswanger darf nicht, Herr Hollenstein will nicht. CH Journalismus 2020!

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  6. Arnold Martin
    Arnold Martin says:

    Gerade jetzt ist die Aborechnung für die Luzerner Zeitung ins Haus geflattert (522.-). Ein unverschämter Preis für immer weniger Inhalt.
    Nach den Äusserungen dieses Herrn werden wir das Abo nicht erneuern.

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  7. Tarzan aus Balkonien
    Tarzan aus Balkonien says:

    Die treuen Gewohnheitsleser sterben immer mehr aus, insbesondere bei der CH-Media. Pascal Hollenstein sollte sich besser nicht lustig machen über seine (noch) Leser. Sein derber Hohn und Spott – und seine Respektlosigkeit – müsste auch Peter Wanner auf den Plan rufen.

    Der offenbar etwas gar abgehobene Mann sollte wieder einmal an seine Anfangszeiten als Redaktor bei der «Thurgauer Zeitung» zurückdenken.

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  8. Chris Oliver
    Chris Oliver says:

    In der Tat megapeinlich, wie der sich im Fall Spiess-Hegglin als Journalist instrumentalisieren lässt. Für jeden Leser offensichtlich, dass er sich als Verlautbarungsorgan der Zuger KO-Tropfen-Truppe andient. Und das als Leiter Publizistik. Und dann noch mit Publikumsbeschimpfung. Was sagt da eigentlich Peter Wanner dazu?

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