Roman Brodmann und die heiligste Kuh

Ein grosser Schweizer Journalist, ein Kämpfer, ein Freund.

Roman Brodmann wäre heuer 100 Jahre alt geworden.

Die Furie des Verschwindens ist ungerecht. In der jüngeren Schweizer Publizistik gibt es einige Namen, die fraglos in die Ahnengalerie von allen gehören sollten, die sich in den heutigen, harten Zeiten dem Journalismus verschrieben haben.

Einer davon ist Roman Brodmann, der vor 100 Jahren geboren wurde. Freier Mitarbeiter verschiedener Schweizer Zeitungen, Cabaret-Autor, Filmkritiker beim Schweizer Fernsehen, Chefredaktor der «Elle» und dann der «Zürcher Woche».

Ein eleganter Schreiber, umfangreich gebildet, ein blendender Unterhalter. Auch ein Lebemann, den schönen Dingen zugetan. Und das, was man damals sozialkritisch nannte. Dank ihm hatte ich meinen allerersten Auftritt in einer Zeitung. Nicht als Autor, sondern als Objekt einer Kolumne über meinen damaligen Lehrer an der Bezirksschule Aarau. Ein Militärkopf, der seine tiefe Unsicherheit hinter martialischem Auftreten und drakonischen Unterrichtsmethoden verbarg.

Entlarvende Sanftmut

Aus meinen Erzählungen machte Roman ein kurzes Essay, in seiner sanften Boshaftigkeit viel entlarvender als mein Geschimpfe über diesen Lehrer. Wie es sich damals gehörte, als der Befehl «Moskau einfach» in der Schweiz schnell erschallte, wenn ein «Nestbeschmutzer» sich kritisch über das Land äusserte, geriet Brodmann 1963 mit dem Schweizer Fernsehen über Kreuz und wechselte nach Deutschland.

Er hatte den Dokumentarfilm als neues Medium entdeckt; im grösseren Anwesen seiner damaligen Frau in der Nähe von Heidelberg schlug er sein neues Hauptquartier auf. Bei meinen Besuchen sah ich zum ersten Mal eine noch grössere Bibliothek als bei meinem Vater, von beiden lernte ich zudem so vieles über Lebensart, über Ästhetik, über die Macht der sanften Subversivität, über die Lust am Argumentieren, über die Neugier beim Entdecken der Realität.

Preisgekrönte Meisterwerke

Ich rauchte dann einige Zeit Craven A, die bevorzugte Marke von Roman, deren Rauch er nicht inhalierte, sondern geradezu in sich hineinfrass. Was ihn dann auch nach nur 70 Jahren ins Grab brachte.

Aber vorher zeichnete er sich mit preisgekrönten Meisterwerken des Dokumentarfilms aus. Nicht unparteiisch, aber ganz und gar nicht demagogisch, und ganz sicher nicht einem Gesinnungsjournalismus verhaftet. Sein Film über den Schah-Besuch von 1967, in dessen Umfeld der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde, «Der Polizeistaatsbesuch», wurde wie einige andere seiner Werke mit dem deutschen Grimme-Preis ausgezeichnet.

1984 erschien «Moskau einfach», eine Sammlung seiner Zeitbetrachtungen von 1968 bis 1984. Eigentlich eine Pflichtlektüre für jeden angehenden Schweizer Journalisten, schon längst im Zytglogge-Verlag vergriffen. Genau wie «Der Unschweizer» über den Umgang der Schweiz mit Dissidenten wie Jean Ziegler. Genau wie «Schweiz ohne Waffen. 24 Stunden im Jahre X», 1973 bei Benteli erschienen.

Gab er die Idee für die Armeeabschaffungsinitiative?

War das die Keimzelle der «Gruppe für eine Schweiz ohne Waffen» (GSOA)? Haben sich die Basler Jusos davon inspirieren lassen? Lag es 1982 im Restaurant «Kreuz» in Solothurn auf dem Tisch, als die GSOA offiziell gegründet wurde und sich daran machte, ernsthaft eine Volksinitiative für die Abschaffung der Schweizer Armee zu lancieren? Damals ein ungeheuerlicher Tabubruch. Heute kaum mehr vorstellbar, aber Anfang 80er-Jahre war eine Karriere in vielen Berufen ohne eine Offizierslaufbahn in der Armee undenkbar.

Als es dem Initiativkomitee tatsächlich gelang, im Herbst 1986 über 100’000 gültige Unterschriften einzureichen, japste die Armeeführung, die Regierung, die gesamte konservative Schweiz hörbar nach Luft. War sich aber sicher, dass die Initiative krachend vom Volk abgelehnt würde.

1987 wurde der letzte grosse Dokumentarfilm Brodmanns ausgestrahlt, an dem er von 1982 an gearbeitet hatte: «Der Traum vom Schlachten der Heiligsten Kuh» (hier wenigstens sein Interview mit Max Frisch). Den dafür 1988 verliehenen Adolf-Grimme-Preis konnte er schon nicht mehr persönlich entgegennehmen. Aber er erlebte noch, wie Ende November 1989 ganze 35,6 Prozent für die Initiative stimmten, in Genf und im Jura wurde sie sogar angenommen.

Er wirkte und bewirkte

Gerade war die Berliner Mauer gefallen, der Ostblock befand sich in Auflösung, Gorbatschow versuchte verzweifelt und erfolglos, die UdSSR zu reformieren. In diesem Zeitgeist wurde die heilige Kuh Armee zwar nicht geschlachtet, aber das Resultat schickte Schockwellen durch die politische Schweiz und stiess grundlegende Reformprozesse an.

Am 1. Februar 1990 starb Roman Brodmann in Basel. Er habe sich nur noch bis zum Abstimmungsergebnis durchgeschleppt, sagte er mir in unserem letzten Telefonat, schon schwer gezeichnet vom Krebs. Besuche empfing er keine mehr; es wurde ein stiller Triumph für diesen engagierten Publizisten, dass er tatsächlich und messbar Wirkung erzielt hatte. Das ist nicht manchen vergönnt, für ihn ist’s wohlverdient.

Manchmal betrachte ich ein Schreibwerk, bilde mir ein, als aufgehörter Raucher den würzigen Duft der Craven A in der Luft zu spüren. Ich meine, sein gütiges, schnauzbärtiges Gesicht mit der hohen Stirne und den zwischen Melancholie und Schalk oszillierenden Augen vor mir zu sehen und hoffe auf ein zustimmendes Nicken von ihm.

Brodmann gehörte zu der langsam aussterbenden Gattung des Allrounders. Er konnte von Aperçus bis profunden Analysen alles schreiben. Er konnte über Lebensart oder über Politik schreiben. Er war nie verletzend, aber oft entlarvend. Er war ein Meister der sanften Ironie, er war der festen Überzeugung, dass man mit ruhigem Zureden eher etwas erreicht als mit krachender Polemik.

Als Dokumentarfilmer machte er etwas, was auch eher aus der Mode geraten ist: Er nahm sich selbst zurück, liess die Realität sprechen, beschränkte sich auf sparsame, aber punktgenaue Kommentare.

Verdichtete Realität, darum geht es in unserem Metier, darin war er ein Meister.

 

Dieser Artikel erschien leicht gekürzt in der NZZ vom 29. Juli 2020 (hinter der Bezahlschranke). Mit freundlicher Genehmigung.

3 KOMMENTARE
  1. Andreas Willy Rothenbühler
    Andreas Willy Rothenbühler says:

    Der schönste Satz von Roman Brodmann:
    „Solange nicht weisser Rauch aus der Mosspinte aufsteigt, kann Walter Hofer nicht Bundesrat werden“

    In der damaligen Zürcher Woche.

    Das war definitiv vor 1968.
    Und man konnte nicht so leichtfertig wie heute anonym kommentieren.

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  2. Schamane
    Schamane says:

    Ach je, eine Hymne auf die ewig gestrigen 68. iger.
    Es gab damals noch eine 3. kaum mehr bekannte Denkrichtung.
    Wahrhaft liberal‚ hoch sachlich, ernsthaft Lösungsorientiert.
    Leider damals eine Minderheit, innzwischen kaum noch bekannt.
    Beispiele; Peter Schon-Latour / Frederic Vester ( Wissenschaftler) sowie sehr viele weitere Publizisten.
    Weitere Namen bis in die 90.iger Jahre. Christopher Lasch /Samuel P. Huntington / Hans-Peter
    Martin + Harald Schumann / Sterling Seagrave und weitere.
    Der zuletzt genannte hat die Entwicklung in Bezug auf China sehr gut prognostiziert.
    Tja die lieben 68. iger mit ihrem übersteigerten Hang zur Ideologiedresche bei eingeschränktem
    Willen und Fähigkeit zum rational ldeologiearmen Denken, haben die grosse Chance zur Gestaltung
    einer vernünftigeren Welt, dumm und ideologieschwanger, verantwortungslos verbraten.
    All diese Dummheiten gepaart mit lgnorantentum, wird eine Frage der Zeit, das zurückbringen das
    Geschichte sein sollte, Schlachfelder mit allem Schrecken und begleitendem unsäglichem Elend.
    Die letzten 30 Jahre haben es gezeigt, die lautesten Frieden-Frieden Lamentierer haben sich
    als grösste Kriegshetzer entpuppt, wenn es um die Durchsetzung der eigenen Weltsicht geht
    ist auch diesen schlicht JEDES Mittel recht, auch Krieg.
    Das wohl wichtigste haben diese Schöngeisthelden durchgehend verweigert, DAS LERNEN aus der
    Geschichte. Hmmm im Gegenteil, die missbrauchen Geschichte mit fast Genuss zur Durchsetzung
    der eigenen Weltsicht.
    Ob das Rezept einer GSOA angesichts der hoch bedenklichen Weltlage der richtige Weg ist?
    Armee ja, eine streng zweckdienliche ohne Firlefanz, nüchtern und sachlich,der Verteidigung
    der legitimen Rechte verpflichtet, so sollte es sein, ohne Ambitionen sich an
    Imperialen Abenteuern zu beteiligen.( Das wahre Ziel der EU ist die Aufgleisung eines lmperiums)
    Von 1933—1945 wurde von Seite der Schweiz herausragendes geleistet, das bestätigt ein
    von der Russischen Föderation 2015 freigegebenes Dokument eindrücklich.
    Ach je, die lieben 68. iger die haben das jämmerliche Scheitern des Realsozialismus
    bis heute nicht verwunden, verkraftet. Russland erstmals in seiner elenden Geschichte als
    Demokratie (wo ist denn alles perfekt) passt offenbar den ewig gestrigen Links-ldeologen
    nicht in den Kram.

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    • Alois Fischer
      Alois Fischer says:

      Lieber Schamane
      Sorry (oder Entschuldigung), wenn ich das so betrachte und sogar nach dem ersten Erschauern einzelne Sentenzen lese, kommt es mir wirklich vor wie die Zeit der durchgeistigten, selbstgerechten Revolutionäre. Kantonsschul- oder Gymasiumbildung und viel zu viele halbverstandene Griechen und Römersamt bärtigen Revolutionären im Gepäck – aber irgendwie überhaupt nicht zufrieden und bar jder Lebenslust.
      Da kommt mir in den Sinn, weshalb ich mit den Globuskrawallisten so überhaupt gar nichts anzufangen wusste: Wenn ich am Freitagabend zufrieden und etwas müde (vom nachmittäglichen „Laborfegen“ in der Basler Chemie) im Hauptbahnhof Zürich ankam und eigentlich ganz gerne ins elterliche Haus pilgerte und diese armen „Irren“ beim Globusprovisorium sah, wie sie sich mit den altväterisch Uniformierten endlich all die Räuber- und Polischlachten lieferten, die wir bereits in der Schulzeit hinter uns liessen,und mir überlegte, wonach die suchten und so sicher nie fanden, dass es schon damals die Eliten und deren Söhne und Töchter gab, die einfach in einer ganz anderen Traumwelt herumirrten.
      Nein, nicht besser oder schlechter , nichtsnutzig oder wertvoll, einfach ziemlich perspektivlos. Genau das sehe ich wieder vor mir, wenn ich solche intellektuell verbrämte gedichtartige Zeilen ansehe und ich einfach nichts damit anfangen kann.
      Später ging es weiter mit irgendwelchen Schamanen und indischen Mönchen und Gurus und freier liebe und und und.
      Roman Brodmann war dafür zu alt und wohl zu weise, aber bewundert habe ich ihn auch. Er formulierte das kurz und knapp und eben genau so, wie ich es gerne meinem Vater und meinen Geschwistern gerne in endlosen Vietnamdiskussionen gerne erklärt hätte. Klappte nicht, weil es auch andere Ansichten samt eben so berechtigter begründung gab.
      Was aber vom Furor eines Brodmann blieb, ist das poitische Interesse und der Wille, die eigene Sache in die eigenen Hände zu nehmen und dafür zu kämpfen. Mal leise, und dann wieder rechthaberisch laut und irgendwann auch zufrieden und glücklich. Bis heute – und darum auch der Dank an Brodmann und Konsorten, sie alle hane uns gezeigt, was Diskurs heisst und wie Dialektik funktioniert. Dass es sich lohnt auch die allerklarsten Gewissheiten in Frage zu stellen, zeigt uns heute die fatale Krisenbewältigung in einer Spassgesellschaft und obrigkeitsgläubigen Volksherde überdeutlich.

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