Die Fake-Meisterschaft

Der Ball ist rund. Für die Gebrüder Schifferle und den Ringier-Konzern.

Corona-Alarm beim FC Zürich, bei Neuenburg Xamax und beim FC Basel. Trotzdem wird die Meisterschaft fortgesetzt. Auslaugende zwei bis drei Spiele pro Woche sorgen dafür, dass Teams mit Tempofussball wie der FC St. Gallen immer häufiger verlieren. Niemand hinterfragt, warum man dem Trauerspiel nicht einfach ein Ende setzt und die Saison abbricht. Es fehlt offensichtlich die Distanz, eigentlich ein Corona-Gebot der Stunde.

Doch im Schweizerischen Fussball ist das Gegenteil der Fall. Fast alle sind miteinander verbandelt und voneinander abhängig. Ringiersports.ch, das wie der «Blick» zum Ringier-Konzern gehört, vermarktet die Werberechte der Swiss Football League. Kein Wunder, will die Sportredaktion des «Blick» die ordentliche Meisterschaft durchpeitschen. Da spielt sogar der temperamentvolle Ancillo Canepa, der FCZ-Präsident, artig mit. Er lässt ein Nachwuchsteam antreten, um keinen Meisterschaftsabbruch zu riskieren. Und Thomas Schifferle, einflussreicher Sportredaktor bei der TX Group, schreibt als Bruder des umstrittenen Liga-Präsidenten Heinrich Schifferle oft über Fussball und Vereinsbelange. Und selten kritisch.

«Wohl nicht mehr über Fussballbelange schreiben»

A propos Schifferle. Blenden wir zurück. 20. November 2011: Heinrich Schifferle lädt zum Gespräch. Im «Hotel Banana City» in Winterthur, wie die «NZZ» damals vermeldete. Heinrich Schifferle, seit 1999 im Swiss Football League-Vorstand, will in einer Kampfwahl das Präsidium des damaligen Ligapräsidenten Thomas Grimm übernehmen. Und versichert gegenüber der NZZ: Künftig werde Thomas Schifferle, sein Bruder, wohl nicht mehr über Liga-Belange schreiben.

Heinrich Schifferle gewann die Wahl wenige Tage später. Hauptamtlich blieb der neue Präsident Geschäftsleiter der Immobilien-Holding Siska mit einem Immobilienbestand von gegen einer Milliarde Franken. Doch hinter den Kulissen rumorte es gewaltig.

«Unverfroren und selbstherrlich»

Juli 2020: Heinrich Schifferle ist immer noch Präsident der Swiss Football League und will es gemäss Interview mit Radio SRF bis 2021 auch bleiben. Aber er ist mittlerweile verurteilt wegen mehrfacher ungetreuer Geschäftsbesorgung. Bestraft wurde er mit einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 800 Franken (was happige 144 000 Franken ausmacht). «Er agierte unverfroren und geradezu selbstherrlich», heisst es in der Urteilsbegründung. Schifferle war 2014 fristlos entlassen worden als Geschäftsführer der Siska. Siska, das ist das Familienunternehmen Heuberger aus Winterthur mit gut 2000 Wohnungen im Portfolio. Und der Aktienmehrheit von Radio und Tele Top. Die Anklagepunkte lassen auf eine gewisse kriminelle Energie von Heinrich Schifferle schliessen. Oder zumindest auf ein abgehobenes Weltbild à la Sepp Blatter. Einfach zwei Ligen tiefer. Schifferle hat private Fahrzeugversicherungen für seinen Aston Martin über die Firmenkasse abgerechnet. Zudem hat er «einen dubiosen Deal» (NZZ) mit seinem Zahnarzt abgeschlossen. Im Stil von: «Ich mach Dir die Buchhaltung, Du mir die Zähne». Dumm nur, dass Schifferle diese Arbeit von der Siska-Buchhaltung erledigen liess. Das erstinstanzliche Urteil hat Heinrich Schifferle nun ans Obergericht weitergezogen. Damit kommt es zu einem zweitinstanzlichen Prozess – frühestens nach den Sommerferien. Bis zu einem rechtsgültigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung.

Reputationsschaden wegen Verurteilung?

Das Blätterrauschen zu diesem Gerichtsurteil vom Herbst 2019 war lau – verdächtig lau. Die NZZ stellte immerhin die Frage in den Raum, ob Heinrich Schifferle noch tragbar sei oder nicht in den Ausstand treten soll, bis das Verfahren beendet sei. Stichwort Reputationsschaden für den Schweizer Fussball. Derweil dozierte Redaktor Thomas Schifferle im Tagesanzeiger vom 30. April 2020 frischfröhlich darüber, ob Geisterspiele – also Meisterschaftsspiele ohne Zuschauer – sinnvoll seien. Sein Fazit: wegen der Finanzen (die vierte Finanztranche an die Clubs in der Höhe von 7,5 Millionen Franken) ist der Saisonabschluss nötig. Und das sollen keine Ligabelange sein?

Die Fussballmeisterschaft in der Schweiz gleicht seit Wochen einer Operettenliga, um das Lieblingswort von Sportjournalist Klaus Zaugg zu benutzen. Aber es hängt zu viel Geld am Meisterrennen. Die letzte Tranche à 7,5 Millionen Franken für die Übertragungsrechte bekommen die Clubs nur, wenn die Meisterschaft zu Ende gespielt wird. Kein Wunder, will sich auch von den Medien, zumindest von den Sportressorts, beim Thema Schweizer Fussball niemand die Finger verbrennen.

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